Dr. León Krempel & Jennifer Bannert – Text for the exhibition „Good Morning America“
Kunsthalle Darmstadt, 2025

 

Good Morning America ist der Titel und zugleich die Begrüßungsformel des seit 1975 ausgestrahlten amerikanischen Frühstücksfernsehens, das werktags mit Nachrichten, Lifestyle und Wetterberichten in den Tag führt. Die gleichnamige Ausstellung von Jennifer Bannert ist von Reisen und Aufenthalten in den USA inspiriert und erzählt vom Aufwachen in Amerika in den Jahren seit 2023. In den großformatigen Malereien verweben sich persönliche Eindrücke mit Bild- und Textfragmenten zu Extremwetterereignissen aus den amerikanischen Medien. Seit ihrem ersten längeren Aufenthalt in Los Angeles sucht die Künstlerin eine Bildsprache für die Transformationen zu finden, die wir zurzeit durchleben.

Jennifer Bannerts Arbeit steht in intensiver Auseinandersetzung mit dem Konzept des „Erhabenen“ in der Kunstgeschichte und Philosophie. Im 18. Jahrhundert definierte Immanuel Kant (1724 – 1804) das Erhabene – zu dem er auch die Naturkräfte zählt – als eine ästhetische Erfahrung, die sich vom harmonisch Schönen unterscheidet und untrennbar mit Gefühlen von Bewunderung, Überwältigung und Angst verbunden ist. Doch dieses Erhabene stellte keine direkte Gefahr dar, sondern konnte aus sicherer Distanz, z.B. vom Ufer aus, beobachtet werden. Paradigmatisch hierfür ist mit Malern wie Caspar David Friedrich und William Turner das romantische Erhabene. Dieses fand im 20. Jahrhundert zu neuer Form und Ausdruck in der Abstraktion der amerikanischen Nachkriegskunst (Marc Rothko, Yves Klein, Barnett Newman, u.a.). Jennifer Bannerts Arbeiten referieren auf diese Traditionslinie, die von der Romantik in die Moderne führt, und zeugen zugleich von einer zeitgemäßen Auseinandersetzung mit der Darstellung von Naturgewalten.

Nach dem französischen Kunstkritiker Nicolas Bourriaud ist das Erhabene, als ein Ausdruck der Beziehung zwischen Mensch und Natur, aufgrund der Klimakrise so relevant wie niemals zuvor. Während das Kant’sche Erhabene bloß eine ästhetische Kategorie war, sehen wir uns im 21. Jahrhundert mit Bildern realer Bedrohungen konfrontiert. Natur stellt heute kein stabiles, berechenbares Gegenüber mehr dar, sondern tritt diskontinuierlich und unvorhersehbar auf. „Das Erhabene von heute“, schreibt Bourriaud in „Planet B. Climate Change and the New Sublime“ (2022), „ist das Gefühl des Kontrollverlusts über den Planeten“. In diesem Sinne zeigen die ausgestellten Gemälde keine klassischen Landschaften, sondern einfache Naturphänomene, Licht und Dunkelheit, Wolken, Wasser, Regen, in Gestalt von Farbverläufen. Diese ephemeren Ereignisse nehmen die Bildfläche vollständig für sich ein. Während die Leinwandbilder mit ihrer Andeutung diffuser Tiefenräume ein Gefühl der Desorientierung transportieren, zeugen die reflektierenden Metallbilder von der Eigenaktivität von Natur. In beiden Fällen ist es den Betrachter:innen kaum möglich, das Gesehene visuell zu fixieren. Ihre schemenhaften Spiegelungen in den Metallen suggerieren vielmehr, Teil des Ganzen zu sein. Natur ist hier kein objekthaftes Gegenüber, sondern selbstwirksam.

Idee und Titel zur Ausstellung haben sich im Jahr 2024 formiert. Im Jahr 2025 ist der morgendliche Blick nach Amerika wohl für viele zur Gewohnheit wie zur Herausforderung geworden.